Die drohende Verwüstung im Lokalen

Lokaljournalismus ist fundamental wichtig für eine demokratische Gesellschaft. Der Markt scheint ihn nicht mehr lang überall gewährleistet zu können — es braucht Alternativen.

Nachrichtenwüsten

Doch in der Theorie sollte Lokaljournalismus als Korrektiv zur Politik, Wirtschaft und den diversen Interessengruppen dienen. Als unabhängiger und unparteiische Beobachter fungieren, der Öffentlichkeit herstellt und garantiert. Damit kommt dem Journalismus eine wesentliche Rolle in einer Demokratie zu, die die (Eigen-)Bezeichnung “Vierte Gewalt” rechtfertigt. Und selbstverständlich sorgt ein lokales Medium als Idenditätsbinder, der den Charakter eines Orts oder Region nach innen wie nach außen widerspiegelt. Beides — kritische Lokalberichterstattung und Identitätsspiegel — sind wesentlich Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft.

Dem Markt geht es schlecht

Zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten gab es über 4000 Zeitungstitel im damaligen Deutschen Reich. Im Jahr 1938 — nach der vollzogenen Gleichschaltung der Presse — war diese Zahl auf 1200 gesunken und fiel bis Ende des Krieges dann auf unter 1000. In Westdeutschland hatte sich die Zahl der Titel Mitte der 50er Jahre auf rund 1500 erholt. Allerdings erschienen diese Titel in 225 “publizistischen Einheiten” (PE): Der Mantelteil der Titel innerhalb solch einer Einheit sind inhaltlich gleich. Bis 1989 sank die Zahl der PE auf 119 und 1350 Titel. In der DDR gab es 1989 knapp 300 Titel, die in 37 PE erschienen. Von den verschwanden nach der Wiedervereinigung rasch 19, so daß im Jahr 2016 die Zahl der PE in der Bundesrepublik bei 121 und die Titelanzahl bei etwa 1500 lag.

Neue Ansätze

Das Schwinden des klassischen Lokaljournalismus wäre insgesamt kein großes Drama, wäre in den letzten 15 Jahren im Internet eine Alternative erwachsen. Eine Alternative, der es gelingt Öffentlichkeit zu bieten und abzubilden. Zwar haben Plattformen wie Facebook und andere Dienste (Kleinanzeigen, Terminportale, Sport (z.B. fupa.net), interaktive Karten wie Google Maps) Teile der Aufgaben von Zeitungen übernommen, doch ihnen fehlt das Selbstverständnis des Tageszeitungs- und Lokaljournalismus: Ein professioneller Rundumblick auf Politik, Wirtschaft, Kultur, und Sport durch dazu ausgebildete und befähigte Personen.

Öffentlich-rechlicher Lokaljournalismus

Will man größere Projekte jenseits von Verlagen starten, führt tatsächlich derzeit an den Geldern der Internetgiganten kaum ein Weg vorbei. Denn hierzulande mangelt es an Fördermöglichkeiten (was nicht zuletzt an besagter Gemeinnützigkeitsproblematik liegt). Dabei ist in gewisser Weise ein Lösungsansatz für das Problem des schwindenden Lokaljournalismus längst vorhanden. Mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖR) hat sich die hiesige Gesellschaft eine Infrastruktur gegeben, die kollektiv finanziert mit acht Milliarden Euro jährlich ausgestattet ist. Deren Auftrag wird durch politische Entscheidungen immer wieder nachjustiert. In Zeiten von Privatsendern und Internet kann dem ÖR eine längst überfällige strukturelle Neuordnung nur gut tun und so nicht zuletzt die Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung fördern. Die Landesanstalten der ARD betreiben zwar Regionaljournalismus, müssen aber — nicht zuletzt, um den Lokalzeitungen keine Konkurrenz zu machen — im wesentlich auf flächendeckenden Lokaljournalismus verzichten.

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Politik & Journalismus

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